Richard Heise - Schleswig-Holstein und Japan

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Richard Heise

1854-1912/13
Richard Heise aus Kiel
Auf Richard Heise wurde ich durch den Japaner Fuminoro Seno aufmerksam, der in Köln Germanistik studiert hatte. Auf einer Wanderung durch die Präfektur Fukushima kam Seno in die Stadt Aizu-Wakamatsu, die in dem  oben erwähnten Boshin-Krieg 1868/69 ein Kriegsschauplatz war. Auf dem Imori-Hügel in der Nähe der Stadt fand er eine Gedenkstätte für 19 junge Samurai-Krieger, die dort im Jahr 1868 aus Loyalität zu ihrem Fürsten gemeinschaftlichen Selbstmord - seppuku - begangen hatten. Diese "byakkotai" - weiße Tiger - genannten jungen Krieger sind in Japan als Symbol für die Loyalität der Samurai zu ihrem Kriegsherrn berühmt geworden. Neben dem Denkmal befand sich ein Grabstein, aus dem hervorging, dass dort im Jahr 1940 ein Deutscher mit Namen Richard Heise beigesetzt worden war. Seno war von dieser Entdeckung so fasziniert, dass er beschloss, mehr über Heise und seinen Lebensweg zu erfahren, und so kam er im Jahr 1996 nach Kiel. Wir lernten uns kennen und vereinbarten, die Suche nach Informationen über Heise gemeinsam fortzusetzen. 
 
Richard Georg Johann Magnus Heise wurde am 1. Mai 1869 in Kiel geboren und ist auch hier zur Schule gegangen. Ein geplantes  Chemiestudium an der Kieler Universität trat er aus unbekannten Gründen nicht an, und danach verlor sich sein Lebensweg. Er soll als Deutschlehrer in Ostpreußen, in Posen und Görlitz gearbeitet haben, später sogar in England und Frankreich, aber es ließ sich nicht herausfinden, wo er seine Ausbildung erhalten hat. Im Jahr 1902 tauchte Heise in Japan auf und wurde offenbar umgehend Deutschlehrer an den beiden erwähnten Elite-Universitäten Hitotsubashi- und Gakushuin-Universität. Dort unterrichtete er auch die jüngeren Brüder von Kaiser Hirohito; in einem seiner beiden Bücher schrieb er: 
Der heutige Herrscher von Japan wie auch die hier erwähnten beiden Kaiserbrüder, die kaiserlichen Prinzen Chichibu und Takamatsu, stehen bei mir als kleine Knaben auf dem Schulhofe und auf dem Sportplatze der Gakushuin (Adelsschule), wo sie u.a. mutig ihre Reiterschlachten,  fest auf den Rücken ihrer Schulkameraden sitzend, siegreich oder auch nicht siegreich , schlugen, noch in gutem Gedächtnis.
Heise blieb während des ersten Weltkrieges in Japan und durfte seinen Lehrerberuf weiter ausüben, führte also ein Leben ohne große Beeinträchtigungen. Er heiratete eine Japanerin, Yoshi, und hatte mit ihr vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne. Heise kehrte 1924 nach Deutschland zurück, lebte kurze Zeit in Reinbek in Schleswig-Holstein und zog dann in die Schweiz nach Genf. Dort schrieb er zwei Bücher mit den Titeln Über  Loyalität in Japan und Über die Religionen in Japan, die 1931 in Genf erschienen. Seno hat die beiden Bücher in einer japanischen Bibliothek gefunden und später ins Japanische übersetzt. 
Richard Heise starb am 11. April 1940 in einem Krankenhaus in Peking. Sein ältester Sohn Erich Kameichiro war in den 1930er Jahren in Mukden in der Mandschurei als Geschäftsführer einer Firma tätig, und offenbar wollte Heise ihn mit seiner Frau  besuchen.

Da Heise einmal den Wunsch geäußert hatte, in Japan beerdigt zu werden, erfüllte sein Sohn Erich mit Unterstützung ehemaliger Schüler der Handelshochschule seinen Wunsch, und so wurde er auf dem Imori - Hügel bei der Stadt Aizu-Wakamatsu beigesetzt. Übrigens sollen später Heises Frau Yoshi, sein Sohn Erich und dessen Frau Nina ebenfalls dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Die drei Fotos zeigen (links) den Grabstein von Richard Heise, (rechts) den Grabstein seines Sohnes Erich und in der Mitte den Gedenkstein für Richard Heise. Die Fotos hat Arne Fahje (s. weiter unten) während seines Aufenthaltes in Japan im September 2016 gemacht.
Um diesen Hochschullehrer, der über 20 Jahre in Japan gelebt und gelehrt hat, der die Brüder des Kaisers Hirohito unterrichtet   und  viele hochstehende Politiker und einflussreiche Wisenschaftler mit der deutschen Sprache vertraut gemacht hat, ranken sich noch einige ungeklärte Geheimnisse. So liegt noch immer im Dunkeln, wie und wo Heise seine Qualifikation als Hochschullehrer erworben hat und wie er nach Japan gekommen ist; verschiedene Gerüchte ließen sich offenbar bisher nicht verifizieren (vgl. Janocha, P. Spurensuche... und die Seiten www.das-japanische-gedaechtnis.de von Dr. Alexander Bürkner und www.meiji-portraits.de von Bernd Lepach). Ebenso ist erstaunlich, dass er als einer der sog. Meiji-Deutschen nicht in den einschlägigen Fachpublikationen  und in den Archiven der OAG (Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens) erwähnt wurde. In Deutschland und auch in Schleswig-Holstein ist dieser prominente und in Japan sehr geschätzte Schleswig-Holsteiner praktisch unbekannt. Eine kleine Episode, die von Heises Sohn Erich bekannt wurde, beleuchtet die Bekanntheit Heises in Japan: Beim kaiserlichen Gartenfest stand Erich vor dem Kaiser Hirohito,  beugte sich tief und stellte sich selbst vor.: "Ich bin Heise". Kaiser Hirohito, der wahrscheinlich sich an den Namen erinnerte, antwortete daraufhin einfach: "Ach, Sie sind Herr Söhnchen von Herrn Professor Heise!"
zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 2017
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